Lernen für die Zukunft

Leitantrag zur Bildungspolitik für den Landesparteitag am 7. März 2004 vorgestellt.

Leitantrag zur Bildungspolitik für den Landesparteitag am 7. März 2004 vorgestellt.„Das deutsche Bildungssystem muss sich verändern.“ Spätestens seit der Diskussion über die Ergeb-nisse
der IGLU- und PISA-Studien stimmen alle dieser Aussage zu. Wir Sozialdemokraten stellen uns
der damit verbundenen Aufgabe. Für uns geht es dabei nicht um Bildungsrevolution. Wir wollen aber
eine zügige, zielgerichtete Evolution unseres Bildungssystems. Dabei orientieren wir uns an der aktu-ellen
Bildungsdiskussion, an den Ergebnissen der Studien und an den erfolgreichen skandinavischen
Beispielen. Auch in Skandinaven haben vor Jahrzehnten Sozialdemokraten ein politisches Bildungs-ziel
beschrieben und sich auf einen langen und schließlich erfolgreichen Weg der evolutionären Ver-änderung
begeben. Diese Veränderungen und das jetzt erreichte wird inzwischen von allen Gesell-schaftlichen
Gruppen im Grundsatz getragen.
Die Sozialdemokraten in Schleswig-Holstein haben eine lange Tradition, früh gesellschaftlich relevan-te
Themen aufzugreifen, die notwendigen Ziele zu beschreiben und schließlich erfolgreich umzuset-zen
(z.B. Eutiner Erklärung zur Deutschlandpolitik in den 60er Jahren, Ausstieg aus der Atomenergie
in den 80er Jahren)
Der Landesvorstand hat nun am Mittwoch, dem 18.12.2003, mit seinem einstimmigen Beschluss über
einen Leitantrag „Lernen für die Zukunft“ zur langfristigen Bildungspolitik in Deutschland und in
Schleswig-Holstein wieder ein Thema von dieser Relevanz aufgenommen. Dieser Beschlusstext ent-stand
nach mehreren Anhörungen unterschiedlicher Personengruppen aus den unterschiedlichen
Bereichen entsprechend unserem erweiterten Bildungsbegriffs und in Abstimmung mit der Landtags-fraktion
und der Bildungsministerin.
Zusammenfassung der wesentlichen Inhalte:
Unser Bildungssystem steht vor den sozialen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Bil-dung
und Wissen entscheiden über unsere gesellschaftliche Zukunft.
Um das Bildungssystem in Deutschland zukunftsfähig zu entwickeln, sind große öffentliche und priva-te
Anstrengungen erforderlich. Wir brauchen mehr und bessere Bildung für alle, um seine Leistungs-fähigkeit
und Kreativität in allen Fassetten voll zu erschließen. Ein hohes Bildungsniveau und leis-tungsfähige
Bildungseinrichtungen sind die wichtigste Grundlage für die Zukunftsfähigkeit unseres
Landes im globalen Wettbewerb. Investitionen in die Bildung sind also Zukunftsinvestitionen für Wirt-schaftswachstum
und Beschäftigung. Bildung darf nicht als Konsumkostenfaktor betrachtet werden.
Zur langfristigen Sicherung der Zukunftsfähigkeit ist also ein Strukturwandel in allen Bereichen des
Bildungssystems in Deutschland und Schleswig-Holstein notwendig. Dieser Aufgabe müssen sich alle
stellen: Staat, Kommunen, alle öffentlichen Einrichtungen, die Wirtschaft und alle Bürgerinnen und
Bürger. Dazu wollen wir Sozialdemokraten mit diesem Antrag den Blick über die vielen zu lösenden
Alltagsfragen hinweg auf die nächsten Jahrzehnte werfen.
Erweiterter Bildungsbegriff
Bildung ist für die Sozialdemokraten in Schleswig-Holstein nicht nur eine Frage der Wissensvermitt-lung.
Bildung ist auch eine Frage des Erlernens motorischer Abläufe, des Ausschöpfens kreativer
Anlagen, der Erfahrungen der Sinne und des Erlebens von Gemeinschaft. Dieser Bildungsbegriff be-trifft
neben Schulen, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen auch Vorschulen, Kindergärten,
Jugendhilfe, außerschulische Jugendarbeit und außerschulische Lernräume und nicht zuletzt berufliche
Ausbildung. Sie sind in das neue Bildungssystem grundsätzlich einzubeziehen. Bildung betrifft
alle Altersgruppen im Sinne der Forderung nach einem „Lebenslangen Lernen“.
Bildung muss mit „Lust am Lernen“ verbunden sein. Ein neuer ganzheitlicher bildungspolitischer An-spruch
muss vom Lernenden und nicht vom Lehrenden aus gedacht werden. ie Schulen sollen zu
„Häusern des Lernens“ weiterentwickelt werden. Die Kommunen als Träger der Bildung, Weiterbil-dung
und Kultur sollen eine größere Eigenerantwortung für Schule und Bildungseinrichtungen erhal-ten.
Schulen und Bildungseinrichtungen soll im Rahmen ergebnisorientierter Bildungsstandards mehr
Eigenständigkeit, mehr Autonomie dafür erhalten, wie sie diese Standards erfüllen.
Für die Realisierung eines solchen Bildungssystems benötigen wir
– ein positives Lehr- und Lernklima,
– zielorientierte Bildungssteuerung,
– ergebnisorientierte Bildungsstandards,
– Qualitätskontrollen,
– Durchlässigkeit und
– Flexibilität.
Das unterdurchschnittliche Gesamtergebnis der deutschen Schulen bei den Studien macht deutlich,
dass die Defizite unseres Schulsystems in den großen Disparitäten zwischen den Schularten des
gegliederten Systems liegen. Ebenso entscheidet in keinem anderen OECD-Land die soziale Herkunft
so stark über den Schulerfolg wie in Deutschland. Viele Kinder im Vorschul- und Grundschulalter wer-den
schon früh in ihren Bildungs- und Lebenschancen benachteiligt, weil es an Betreuungsmöglichkei-ten,
anregenden Spiel-, Erlebens- und Orientierungsmöglichkeiten fehlt, die ihre Entwicklung positiv
beeinflussen. Deshalb soll ein flächendeckendes Ganztagsangebot über den Primarbereich hinaus als
„offene Ganztagsschule“ helfen, für alle Schülerinnen und Schüler gleiche Startchancen zu schaffen.
Kita hat einen Erziehungs- und Bildungsauftrag
Der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Tageseinrichtungen soll gestärkt werden. Dadurch werden
kulturelle und soziale Fähigkeiten sowie Sprachkompetenzen vorrangig gefördert. Kindertagesstätten
sind Orte allgemeiner Bildung und damit elementare Bausteine zur Chancengleichheit. Haben Kinder
die Chance auf ein gesundes Aufwachsen, auf soziale Begegnung und positive Lernerfahrungen, so
ist der Grundstein für eine lebenswerte Zukunft gelegt.
Schule eigenständig und durchlässig
Die derzeitige Trennung der Schüler/innen nach der 4. Klasse in die bestehende Struktur von vier
Schulformen in der Sekundarstufe I ist langfristig nicht zukunftsfähig. Im Zusammenhang mit der mit-tel-
und langfristigen Schulentwicklungsplanung müssen kooperative, integrative und den regionalen
Gegebenheit angepasste eigenständige Systeme entwickelt werden, die zu einem gleichwertigen
Abschluss am Ende der Sekundarstufe I führen. Eine stärkere Integration der Schularten und mehr
Durchlässigkeit soll sich organisch aus dem bestehenden Schulwesen entwickeln. Bestehende Struk-turen
wie Schulzentren oder Realschulen mit Hauptschulteil sollen fortschreitend zusammenarbeiten,
sich zu kooperativen Schulsystemen weiterentwickeln und die Trennung der Schüler/innen nach
Schularten bereits nach der 4. Klasse schrittweise überwinden. Langfristiges Ziel ist es dabei, dass die
Schüler/innen auch in Deutschland wie in den meisten europäischen Ländern von der 1. bis zur 10.
Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Ein solcher Systemwechsel ist nur gemeinsam mit anderen
Bundesländern und mit breiter gesellschaftlicher Unterstützung umzusetzen. Dafür setzen wir uns ein.
Hochschule internationalisieren
Wir wollen den Anteil der Studierfähigen und der Studierwilligen erhöhen. Wie in der gesamten Repu-blik
benötigen wir auch in Schleswig-Holstein mehr qualifizierte Hochschulabsolventen. Das setzt eine
größere Durchlässigkeit zwischen den Bildungsgängen voraus und erfordert den Abbau sozialer Bar-rieren
im Bildungssystem. Niemandem darf aus finanziellen oder sozialen Gründen oder wegen seiner
Herkunft Hochschulbildung verwehrt werden. Eine deutsche Diplom / Magister / Staatsexamen-Insel
wird keinen Bestand im vereinten Europa haben.
Die neue Studienstruktur ist als Chance zu begreifen, zu einem früheren berufsqualifizierenden Stu-dienabschluss
und damit auch zu einer Verringerung der hohen Abbrecherquoten zu kommen. Au-ßerdem
ist eine solche Veränderung notwendig, damit Schleswig-Holstein und seine Studierenden
eine Chance im sich entwickelnden Hochschulraum Europa haben.
Wir wollen die Hochschulen bei Wissens- und Technologietransfer zur schnelleren und direkteren
Umsetzung der Forschungsergebnisse in neue Produkte, Techniken und Verfahren unterstützen. Dar-über
hinaus soll die Eigenverantwortung der Hochschulen durch eine weitgehende globale Haushalts-steuerung
und eigenverantwortliches Management konsequent gestärkt werden. Veränderungen im
Hochschulrahmengesetz des Bundes und des Dienstrechtes des öffentlichen Dienstes sind dringend
erforderlich.
Dazu muss ein transparentes System der Leistungsüberprüfung der Arbeit der Kindergärtner/innen,
Lehrer/innen und Hochschullehre/inn/en landesweit etabliert werden.
Weiterbildung für „lebenslanges Lernen“
„Human Resources“ in Form von Information und Wissen, Flexibilität, Innovationsfähigkeit und Kun-denorientierung
sind Motor der Dienstleistungsgesellschaft. Deshalb kommt der Weiterbildung bei der
Bewältigung des rasanten technologischen Fortschritts und der Anpassung an die Erfordernisse der
Wirtschaft eine besondere Bedeutung zu: Sie muss berufliche, fremdsprachliche, kulturelle, soziale
und kommunikative Kompetenzen vermitteln, aber auch Defizite in Bildung und Ausbildung abbauen.