Ralf Stegner zum 20. Todestag von Jochen Steffen

Von Ralf Stegner, SPD-Landesvorsitzender



Die SPD Schleswig-Holstein erinnert in diesen Tagen an ihren langjährigen Landesvorsitzenden Jochen Steffen, der vor 20 Jahren in Kiel gestorben ist. Der „rote Jochen“ – wie er in der Öffentlichkeit hieß – hat das Denken und Handeln einer ganzen Generation von Politikerinnen und Politikern des Landes stark geprägt, die mit ihm den Aufbruch in den Jahren nach 1968 erlebten.



Jochen Steffen war von 1965 bis 1975 Landesvorsitzender der SPD und von 1966 bis 1973 Vorsitzender der Landtagsfraktion und damit Oppositionsführer. Einige Jahre – von 1968 bis 1977 – saß er auch im Parteivorstand der SPD und kümmerte sich dort vor allem um die Programmarbeit. Für die Spitzen der Bundespartei, für Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner war der bekennende Linke ein häufig unbequemer Mahner.



Steffen gilt noch heute als eine der interessantesten Persönlichkeiten in der Nachkriegsgeschichte unseres Landes: Ein herausragender Redner, der in der politischen Theorie genauso zuhause war wie in der Welt der einfachen Menschen. Eine „kantige Erscheinung, die niemand nach dem Munde redete“ (Siegfried Lenz). Ein Politiker, der den Mut hatte, den Wählerinnen und Wählern auch unpopuläre Wahrheiten zu sagen. Das sind Tugenden, die auch heute noch Gültigkeit haben sollten.



Seine politischen Gegner hatten sich auf den bekennenden „Marxisten“ Jochen Steffen eingeschossen. Der radikale Demokrat kritisierte in seinen Reden und Schriften den Kapitalismus und forderte, dass nicht die Wirtschaft, sondern „das Volk bestimmt, was mit ihm und seiner Welt geschieht“. Dabei verteidigte der Vertreter der Kriegsgeneration die politische Demokratie und die Grundrechte gegen jeden Anflug von Totalitarismus.



Jochen Steffen bleibt nicht nur als Kabarettist „Kuddel Schnööf“, der sogar den deutschen Kleinkunstpreis erhielt, in Erinnerung. Seine Analyse, dass die sozialen und ökologischen Probleme schneller wachsen als die Möglichkeiten zu ihrer Lösung, könnte von einem heutigen Kritiker der Globalisierung stammen. Sein Plädoyer für die Wiedergewinnung der politischen Handlungsfähigkeit gegenüber der Zerstörungskraft des weltweit organisierten Kapitals ist heute beinahe noch aktueller als Anfang der 70er Jahre. Im Entwurf des neuen SPD-Grundsatzprogramms hat diese Forderung ihren späten Niederschlag gefunden.



Jochen Steffen ist niemals Ministerpräsident geworden. Damals wählten die Schleswig-Holsteiner mehrheitlich noch Gerhard Stoltenberg und seine CDU. Das änderte sich erst Ende der 80er Jahre. Steffens Mahnung an die SPD, dass „jeder Schritt zur Vermenschlichung und Demokratisierung einer bedrückenden Lebenswelt ebensoviel wert (ist) wie Kilometer an theoretischer Erkenntnis“, hat seinen Anteil daran gehabt. Dass Jochen Steffen 1979 wegen der (damaligen) Atompolitik der SPD seine Partei verließ und mit diesem Schritt viele seiner damaligen Mitstreiter tief enttäuschte, kann seine Bedeutung für die Entwicklung der Sozialdemokraten in Schleswig-Holstein und darüber hinaus nicht schmälern. Und wir täten alle gut daran, ab und zu wieder bei ihm nachzulesen.