Zum 90. Geburtstag von Jochen Steffen

Kluger Denker, knorriger Landesvorsitzender, scharfzüngiger Eulenspiegel - all diese Bezeichnungen können Jochen Steffen wohl nur teilweise beschreiben. Heute wäre der "Rote Jochen" 90 Jahre alt geworden.

Kluger Denker, knorriger Landesvorsitzender, scharfzüngiger Eulenspiegel – all diese Bezeichnungen können Jochen Steffen wohl nur teilweise beschreiben. Heute wäre der „Rote Jochen“ 90 Jahre alt geworden.

Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg tritt er in die SPD ein und beginnt seinen Aufstieg: 1954 ist er Juso-Landesvorsitzender, 1965 Landesvorsitzender der SPD. 1967 und 1971 tritt er als Spitzenkandidat in den Landtagswahlen an. Günter Grass und Siegfried Lenz setzen sich für ihn ein. Die Springer-Presse und die regionalen Medien diffamiert ihn dermaßen, dass sogar „Panorama“ und der SPIEGEL es thematisieren. Er holt jeweils um die 40% und verliert trotzdem.

Bereits in jungen Jahren beschäftigt sich Jochen Steffen mit den Klassikern der Sozialdemokratie. Wenige sind so theoriefest wie der erklärte Parteilinke. In der SPD-Grundwerte-Kommission und seinen eigenen Büchern gibt er linke Impulse, gespeist aus kluger Analyse: „Die Menschen sind nicht dazu da, ein wirtschaftliches System mit seinen Eliten und Privilegien zu verteidigen, das uns in die Krise sehenden Auges torkeln ließ und die nächste Krise vorbereitet“ schrieb Jochen Steffen, in „Krisenmanagement oder Politik“ damals, 1974.

Unter Helmut Schmidt weiß sich Jochen Steffen nicht mit den Kompromissen einer Regierungspartei zu arrangieren. Nach und nach zieht er sich aus der Politik und der SPD zurück. Nach seinem Abschied als Oppositionsführer im Kieler Landtag 1973, schreibt die ZEIT:

„Journalisten suchten ihre Notizblöcke und politische Gegner volle Deckung, wenn der hemdsärmelig-bullige „Rote Jochen“ ans Rednerpult eilte. Er gab sich mal zornig, mal zotig, dann wieder drohend oder dämpfend. Stets jedoch ließ er auf seine politischen Gegner („intellektuell Verblödete“) ein Feuerwerk von Attacken niedergehen, jene ihm eigene Mischung aus Analyse, Argumentation und Aggressivität. Ordnungsrufe des Präsidenten gehörten genauso zu einer Rede „Marke Steffen“ wie die Warnung vor einem Mißbrauch seiner Partei: „Die sozialdemokratische Fraktion dieses Landtags ist kein Minimax, den sie beliebig von der Wand nehmen können, um Feuer zu löschen“ — Feuer, das er oft genug selbst gelegt hatte und an dessen Wirkung er sich zu wärmen schien.“

„Jochen Steffen hat das linke Profil der schleswig-holsteinischen SPD als Programmpartei geprägt. Engagiert und kantig ist er für unsere Grundwerte eingetreten und nie dem politischen Mainstream hinterhergelaufen. Er war ein streitbarer Mensch, bei dem Bürgerinnen und Bürger wussten, wofür er stand und der die Lebenswirklichkeit der Menschen im Land kannte. Dies ist uns bis heute Vorbild,“ findet der heutige SPD-Landesvorsitzende Ralf Stegner.

Jochen Steffen stirbt am 27. September 1987 im Alter von 65 Jahren nach langer Krankheit in Kiel.

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Foto: Ludwig Wegmann, CC-BY-SA