Am Beginn eines Deutsch-Dänischen Jahrzehnts

Am 10. Oktober 2012 hat Ministerpräsident Torsten Albig einen Vortrag in der deutsch-dänischen Außenhandelskammer Kopenhagen zu den Perspektiven einer Wiederentdeckung der historischen Verbindungen zwischen Dänemark und Deutschland gehalten. Hier der Wortlaut.

Am 10. Oktober 2012 hat Ministerpräsident Torsten Albig einen Vortrag in der deutsch-dänischen Außenhandelskammer Kopenhagen zu den Perspektiven einer Wiederentdeckung der historischen Verbindungen zwischen Dänemark und Deutschland gehalten. Hier der Wortlaut.

Meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute Abend bei Ihnen zu sein. Als ich mein Amt als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein angetreten habe, da war für mich klar: Meine erste offizielle Auslandsreise werde ich nach Kopenhagen machen. Weil Schleswig-Holsteins Verhältnis zu Dänemark ein ganz besonderes ist. Dänemark, doppelt so groß wie Schleswig-Holstein, ist unser wichtigster politischer und wirtschaftlicher Partner in Skandinavien und im Ostseeraum. Vor allem aber haben Dänemark und Schleswig-Holstein auch eine besondere historische Beziehung, die weit über eine normale Nachbarschaft hinausreichen.

Die Spuren unserer gemeinsamen Vergangenheit begegnen uns in unseren Hauptstädten heute noch auf Schritt und Tritt: Die Vor Frue Kirke (Frauenkirche) und das alte Rathaus am Nytorv wurden von C. F. Hansen erbaut, der aus Husum stammte und sein halbes Leben in Altona verbrachte. Zwei der vier Palais von Schloss Amalienborg wurden von schleswig-holsteinischen Adeligen errichtet. Wer das Finanzministerium hier in Kopenhagen betritt, der findet im alten roten Kanzleigebäude immer noch die Räume der „Deutschen Kanzlei“ mit den Schleswigschen und Holsteinischen Büros. Von dort aus wurden die Herzogtümer seit dem frühen 18. Jahrhundert verwaltet. Und das Gebäude der Royal Copenhagen am Amagertorv hat 1616 ein Flensburger, der spätere Bürgermeister Mathias Hansen, bauen lassen – einem von vielen Kaufleuten, die aus den Herzogtümern kamen und in der Hauptstadt Karriere machten.

Wer durch die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel streift, geht durch Straßen, die nach den großen dänischen Dramatikern benannt sind. Er kann ein Fort besichtigen, das Christian IV. im dreißigjährigen Krieg anlegen ließ. Er kann durch einen Forst wandern, der 1785 als königlich dänische Baumschule angelegt wurde. In Kiel wurde 1844 mit der Linie Kiel-Altona die erste Eisenbahn im dänischen Gesamtstaat gebaut. Unsere 1665 gegründete Universität war einst die zweitwichtigste im dänischen Gesamtstaat. An ihr haben große dänische Namen wie Hans Christian Andersen und Johan Ludvig Heiberg studiert und gelehrt.

Wer in Schleswig-Holstein über das Land fährt, der kommt vorbei an den Gütern und Schlössern der Rantzaus, Reventlows, Oldenburger, Gottorfer oder Glücksburger. Familien, die die Geschichte des dänischen Königreichs entscheidend geprägt haben. Familien, die auch die Geschichte Schleswig-Holsteins geprägt haben. Er kann Wege beschreiten, die wie der historische Ochsenweg von Viborg in Dänemark bis Wedel in Schleswig-Holstein zu den zentralen dänischen Haupthandelsrouten gehörten. Und er kommt in Städte, die einst zu den wichtigsten Häfen Dänemarks zählten – sei es nun Haithabu als eines der Haupthandelszentren der Wikingerzeit, Glückstadt an der Elbe als größter Nordseehafen und Walfangzentrum oder Flensburg als zweitwichtigster dänischer Hafen des 17. und 18. Jahrhunderts, der vor allem durch den Handel mit den dänischen Kolonien in Westindien florierte.

Angesichts dieser Jahrhunderte währenden gemeinsamen Geschichte ist es nicht verwunderlich, dass die Museen Schleswig-Holsteins gefüllt sind mit den Zeugnissen unserer gemeinsamen Herkunft. Neben deutschen Expressionisten des 20. Jahrhunderts sind dort ebenso die Maler des goldenen Zeitalters der dänischen Malerei oder Skulpturen von Thorwaldsen vertreten. Unsere Kunst- und Kulturgeschichte ist über Jahrhunderte eine gemeinsame. Heute findet ein reger Austausch der Museen statt.

Meine Damen und Herren,

unsere Länder hat immer eine besondere Gemeinschaft geprägt. Dabei ist unsere gemeinsame Kultur niemals eine Monokultur gewesen: Deutsch und Dänisch sprach man in den Herzogtümern seit jeher. Ebenso, wie in der feinen Gesellschaft der Hauptstadt. Man konnte Plattdeutsch sprechen und seinem dänischen König treu ergeben sein. Diese Multikulturalität nahm ein jähes Ende, als Ende des 18. Jahrhunderts der Nationalismus aufkam. Unsere ohnehin stets komplizierten Familienverhältnisse wurden innerhalb weniger Jahrzehnte durch Unfrieden getrennt. Eine gewaltsame Feindschaft löste unser Miteinander ab. Ein Teil der Bevölkerung erhob sich in der schleswig-holsteinischen Bewegung zur Mitte des 19. Jahrhunderts gegen die Zugehörigkeit zu Dänemark; Deutsche und Dänen traten zweimal – 1848 und 1864 – mit Waffen gegeneinander an. Die Folge: Mehr und mehr stand das Bekenntnis zu der einen oder anderen Seite im Vordergrund. Gerade hatte der Volksentscheid von 1920 die territorialen Streitigkeiten um die Grenze ganz demokratisch befriedet, folgte der nächste Tiefpunkt: Die deutsche Besatzung Dänemarks von 1940 bis 1945. Dieser dunkle Teil unserer Geschichte hat lange das Verhältnis unserer Völker geprägt. Immer wieder stand die nationale Frage in den Nachkriegsjahren auf der Tagesordnung.

Das alles ist heute überwunden. Das heißt nicht, dass es vergessen ist. Wir singen immer noch in unseren alten Liedern von Schleswig-Holstein als „deutscher Sitte hohe Wacht“ – als begänne nördlich der Grenze der Barbarismus. Und in Dänemark singt man davon, dass Unkraut über den Zaun geweht ist: Frø og ugræs er føget over hegnet. Von Süden nach Norden, versteht sich. Das alles gehört zu unserer Geschichte. Auch heute noch. Aber es spielt weniger denn je eine Rolle für die Menschen in der Gegenwart. Es gibt noch nationale Vorurteile, die von einigen wenigen gepflegt und weitergegeben werden. Man soll das ernst nehmen, aber nicht überbewerten. Denn in den vergangenen 60 Jahren sind Deutsche und Dänen in einem geeinten Europa politisch, kulturell, sozial und wirtschaftlich zusammen gewachsen.

Auf nationaler Ebene sind Deutschland und Dänemark Bündnispartner in der NATO, in der OSZE, im Europarat und in der Europäischen Union geworden. Wir haben uns enger verwoben, um den Frieden zu sichern. Durch die Bonn-Kopenhagener-Erklärungen haben wir 1955 gemeinsam Minderheitenregelungen geschaffen, die weit in die Welt hinausstrahlen. Wir sind gute Nachbarn, und wir sind politische und wirtschaftliche Partner. Das gilt in besonderem Maße für mein Bundesland.

Unsere Nachbarschaft ist wie seit jeher die Grundlage für lebhafte Handelsbeziehungen. 2010 kamen 14 Prozent der schleswig-holsteinischen Importe aus Dänemark. Umgekehrt wurden 10 Prozent der Waren nach Dänemark exportiert. Unsere Unternehmen brachten Waren für ca. 13,6 Milliarden Kronen nach Dänemark, während dänische Unternehmen Waren für über 22 Milliarden Kronen nach Schleswig-Holstein verkauften. Schleswig-Holstein ist für viele dänische Unternehmen der Brückenkopf zu den deutschen und zentraleuropäischen Märkten. Große dänische Namen wie Danfoss, Vestas und Danisco produzieren auch in Schleswig-Holstein. Über 800 dänische Firmen haben ihren Standort in Schleswig-Holstein. Damit sind mehr als ein Drittel aller dänischen Unternehmen in Deutschland bei uns zu Hause. Sie bringen gut 14.000 Menschen in Arbeit und sie umfassen alle Branchen: vom Maschinenbau über die Pharma- und Lebensmittelproduktion bis zu Elektronik und Informationstechnologie.

Auch politisch werden längst die Kooperationsfelder ausgelotet, dort wo sie für Beide von Nutzen sind. Im Gesundheitssektor gibt es eine enge Zusammenarbeit. Kliniken in Schleswig-Holstein behandeln Patienten aus der Region Süddänemark; ein deutscher Rettungshubschrauber und deutsche Notarztwagen leisten schnelle Hilfe für Akutpatienten in Sønderjylland.

Dabei profitieren alle davon, dass die dänische Sprache auch heute ganz natürlich zu unserem Land gehört. Schleswig-Holstein ist heute Heimat einer lebendigen dänischen Gemeinschaft. Das sind rund 50.000 Menschen und mehr als 100 dänische Schulen und Kindergärten, Bibliotheken, Vereine, Kirchengemeinden, ein Gesundheitsdienst und die dänische Tageszeitung „Flensborg Avis“. Viele Menschen außerhalb dieser Gemeinschaft sprechen ebenfalls die Sprache der Nachbarn. An vielen öffentlichen, deutschsprachigen Schulen ist der Dänischunterricht bereits Standard.

Auf der nördlichen Seite der Grenze gibt es wiederum eine 15.000 Menschen zählende lebendige deutsche Volksgruppe. Ähnlich wie die dänische Minderheit ist sie durch Multikulturalität und Zweisprachigkeit gekennzeichnet. Im Rückblick auf die vergangenen zwanzig, dreißig Jahre haben sich die beiden Minderheiten mehr und mehr zu Brückenbauern, Grenzöffnern und Schrittmachern entwickelt.

Die Offenheit für die andere Kultur und Sprachkompetenzen sind auch wichtige Voraussetzungen dafür, dass sich ein grenzüberschreitender Arbeitsmarkt entwickeln konnte. 2011 pendelten rund 8100 Arbeitnehmer von Deutschland nach Dänemark und etwa 1000 pendelten in die andere Richtung. Vor einigen Jahren, als die Konjunktur in Dänemark gut und bei uns im Keller war, da waren dies noch über 4000 Menschen mehr, die einer Arbeit auf der anderen Seite der Grenze nachgingen. Auch hier sitzen wir längst in einem Boot.

Vor Ort im Grenzland, wo die Gegensätze in den Nachkriegsjahren noch am stärksten zu Tage traten, ist man längst zusammen gerückt. Das gilt nicht nur für das Verhältnis von Minderheiten und Mehrheiten, sondern auch für die Verständigung über die Grenze hinweg. Im Grenzland engagieren sich unzählige Menschen für das gemeinsame Leben. Vor allem die schleswig-holsteinischen Kreise Nordfriesland und Schleswig-Flensburg und die Stadt Flensburg pflegen eine enge Zusammenarbeit mit ihren dänischen Nachbarn. Auch die schleswig-holsteinische Landesregierung setzt sich dafür ein, dass das, was viele Jahrhunderte lang eine Gemeinschaft war und immer wieder durch Kriege getrennt wurde, jetzt auf eine neue, friedliche Art zusammenfindet. Wir sind Freunde. Wir leben zusammen. Wir arbeiten zusammen. Wir feiern zusammen. Für uns ist die Existenz des anderen eine Bereicherung. In diesem Sinne leben wir im deutsch-dänischen Grenzland schon längst im Alltag vor, was andere bislang nur als abstrakte europäische Idee kennen.

Das alte Herzogtum Schleswig, das heute in der Region Sønderjylland-Schleswig wieder zusammenfindet, ist vor allem auch eine Kulturregion. Diese Vergangenheit wollen wir wieder aufleben lassen. Uns verbindet bereits ein reges gemeinsames Kulturleben. Unsere Museen arbeiten seit Jahren hervorragend zusammen. Unsere Theater stehen in engstem Dialog. Film, Musik, Kunst – kaum eine Veranstaltung, die nicht Partner beiderseits der Grenze hat. Eine ganz neue Dimension hat die kulturelle Verbindung vor kurzem bekommen: Das Land Schleswig-Holstein und die nördlichen Kreise unseres Bundeslandes haben sich gemeinsam mit der Sønderborg Kommune und der Region Syddanmark einer dänisch-europäisch besetzte Jury gestellt, um gemeinsam für den Titel der europäischen Kulturhauptstadt 2017 zu werben. Es wurde für das Kulturschwergewicht Aarhus ein Sieg nach Punkten und für Sonderburg kein Knockout. Das Ergebnis war enttäuschend – aber alles andere als niederschmetternd. Denn auch wenn es mit dem Titel nicht geklappt hat: Die Bewerbung hat uns weitergebracht. Der gemeinsame Einsatz des deutsch-dänischen Grenzlandes für ein gemeinsames Projekt dieser Dimension hat eine Vielzahl von Akteuren zusammengeholt und zusammengeschmiedet. Noch nie haben Dänen und Deutsche im Grenzland so intensiv an einem gemeinsamen Großprojekt gearbeitet. Da sind Verbindungen und Ideen entstanden, die unserer jahrhundertelangen gemeinsamen Kunst- und Kulturgeschichte ein neues Kapitel hinzufügen. Wir werden in den kommenden Jahren mit dem Erreichten weiter arbeiten und so die gute Nachbarschaft von Dänen und Deutschen entscheidend weiter entwickeln. Die Vision hinter Sønderborg2017 lebt weiter.

Für mich persönlich hat es nebenbei bemerkt den großen Gewinn gebracht, dass ich als Ministerpräsident für die Schleswig-Holsteiner am vergangenen Sonnabend mit dem Kronprinzenpaar der Verleihung ihrer kulturellen und sozialen Preise beiwohnen durfte. Es mag nur ein Symbol sein, aber es war eine große Geste. Ich hoffe, dass ganz viele Menschen auf vielen Ebenen die Gelegenheit bekommen, an den Höhepunkten des jeweils anderen Landes teil zu haben.

Meine Damen und Herren,

das Verhältnis zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark ist immer ein besonderes gewesen. In den vergangenen Monaten haben wie noch einen historischen Schritt nach vorn getan. Seit Juni 2012 wird Schleswig-Holstein erstmals von einer Regierung geführt, der auch die Partei der dänischen Minderheit, der SSW, angehört. Bei einzelnen hat dies die Reflexe der Vergangenheit stimuliert. Von den meisten wird dies aber als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Das ist ein historischer Schritt im deutsch-dänischen Verhältnis. Wir knüpfen die Bande zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein neu. Wir knüpfen die Bande fester.

Dies ist nicht nur von großer symbolischer Bedeutung für das dänisch-deutsche Verhältnis. Es wird auch sehr bald ganz erfahrbare Konsequenzen haben. Als erstes werden die Schüler an den dänischen Schulen zum 1. Januar 2013 wieder denselben Zuschuss erhalten wie ihre Gleichaltrigen an einer öffentlichen Schule in Schleswig-Holstein. Jene unterschiedliche Behandlung, die die Vorgängerregierung beschlossen hatte und die zu Recht in Dänemark für große Verärgerung gesorgt hat, wird wieder beendet sein. Meine Regierung wird auch dafür arbeiten, dass die dänische Sprache, die zu Schleswig-Holstein gehört, künftig mehr gesprochen und in der Öffentlichkeit noch sichtbarer wird. Und wir wollen die Zusammenarbeit und das Zusammenleben von Deutschen und Dänen über die Grenze weiter ausgestalten.

Die Regierungsteilnahme des SSW fällt in eine Zeit, wo wir Vergangenheit und Zukunft mehr verbinden denn je. Man könnte auch sagen, dass wir an der Schwelle zu einem dänisch-deutschen Jahrzehnt stehen. Ein Jahrzehnt, in dem wir sowohl unsere gemeinsame Geschichte würdigen, als auch neue Verbindungen schaffen. 2014 jährt sich die Schlacht bei Düppel zum 150. Mal, ein Tiefstand in unserer zeitweise sehr kriegerischen Geschichte. Wir werden dieses Jahr gemeinsam nutzen, um zurückzuschauen. Wir werden über die unterschiedliche Wahrnehmung derselben Ereignisse nachdenken, um dann gemeinsam nach vorne zu blicken.
2015 feiern wir 60 Jahre Bonn-Kopenhagener Erklärungen, mit denen die dänisch-deutsche Minderheitenpolitik zu einem weltweit beachteten Beispiel werden konnte.
2020 ist es 100 Jahre her, dass die Bevölkerung in Schleswig selbst über ihre nationale Zugehörigkeit bestimmen durfte. Und Ende 2021 können wir, sofern der Zeitplan hält, die Pforte zu einem Fehmarnbelt-Tunnel öffnen, der Ostdänemark mit Schleswig-Holstein verbindet.

Die feste Straßen- und Schienenverbindung zwischen Lolland und der Insel Fehmarn unter dem Belt wird dem Verhältnis von Dänemark und Deutschland eine neue Dimension hinzufügen, die ohne historisches Vorbild ist. Ein Tunnel, der eine mentale Brücke schlägt zwischen Dänen und Deutschen. Es werden zwei Regionen zusammenwachsen, die keine solche gemeinsame geschichtliche Tradition haben, wie das Grenzland. Mit Lübeck kommt zudem ein Teil hinzu, der nicht unter der dänischen Krone gelebt hat. Unsere gemeinsame Vergangenheit kann aber dazu beitragen, diesem Prozess eine ganz eigene, einzigartige Qualität zu geben. Es gibt bereits vielfältige, gut nachbarschaftliche Beziehungen über den Fehmarnbelt hinweg. Im Rahmen der STRING-Zusammenarbeit zum Beispiel befinden wir uns in einem ständigen politischen Dialog. Aber schon jetzt, in der Vorbereitung auf die neue Verbindung werden vielfältige neue Kontakte geknüpft und Beziehungen aufgebaut. Man könnte auch sagen, dass wir am Fehmarnbelt die historischen Bande zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein neu erfinden.

Wenn die neu entstehende grenzüberschreitende Femarnbeltregion ein Erfolg werden soll, dann müssen wir aber auch darin investieren. Auf der Jütlandroute sind wir auf einem guten Weg, was den Aufbau eines gemeinsamen, grenzüberschreitenden Arbeitsmarktes angeht. Auf der Fehmarnroute stehen wir aber praktisch bei Null. Wenn der Tunnel ein politischer und wirtschaftlicher Erfolg werden soll, werden Dänen und Deutsche das gemeinsam ändern müssen. Nach meiner Einschätzung liegt hier eine Herkules-Aufgabe vor uns. Ein Selbstgänger wird das nicht.

Anderseits sollte es uns nicht den Optimismus rauben. Es gibt entlang solcher Wachstumsachsen wie der Verbindung zwischen Hamburg und Kopenhagen/Malmö eine höchst profitable wirtschaftliche Entwicklung. Und wo der Handel blüht, dort wird auch investiert, dort lassen sich Unternehmen nieder, dort entstehen Arbeitsplätze, dort steigen die Steuereinnahmen. Kaufkraft bleibt in der Region, neue wird generiert. Der Arbeitsmarkt wird größer werden. Berufstätige aus ländlichen Regionen können die Metropolen auf beiden Seiten schneller erreichen. Junge, mobile und qualifizierte Menschen müssen die Region nicht verlassen – Pendeln wird zu einer realistischen Alternative. Die Tourismuswirtschaft erreicht neue Zielgruppen, der Standort wird insgesamt attraktiver und wird neue Investitionen von Unternehmen anlocken. Bestehende grenzüberschreitende Strukturen werden ausgebaut. Neue, die Ostsee übergreifende wissenschaftliche und wirtschaftliche Netzwerke kommen hinzu.

Ich meine: Das ist die Wiederbelebung unserer historischen Beziehungen auf einer neuen Grundlage. Ich sehe darin große Zukunftschancen für beide Partner. Die engen Verbindungen im kulturellen, geistigen und ökonomischen Leben haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Die südlichen Herzogtümer standen wegen ihrer Beziehung nach Süden auch immer für eine Bereicherung. Dies wollen wir fortsetzen.

Die engen Beziehungen zwischen den Hochschulen sollen wieder aufleben. Wir haben das Potenzial, um in den kommenden zehn Jahren unsere Kräfte zu bündeln und einen Quantensprung bei der Zusammenarbeit der Bildungseinrichtungen zu vollbringen. Die gemeinsamen Studiengänge der Syddansk Universitet und der Universität Flensburg sind heute bereits europaweit einmalig. Diese Stärke könnte künftig durch eine gemeinsame, international ausgerichtete Europauniversität noch besser ausgeschöpft werden. Dazu benötigen wir auch die Unterstützung der Unternehmen in Deutschland und Dänemark, die von dieser Entwicklung profitieren werden.

Und auch in der Forschung wäre im kommenden Jahrzehnt ein Quantensprung möglich, wenn die Pläne weiter reifen, eine gemeinsame Fraunhofer-Forschungseinrichtung für Leistungselektronik im Grenzland zu etablieren. Es gibt bereits entsprechende Kontakte zwischen dem Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie (ISIT) in Itzehoe und Akteuren im Grenzland, darunter Danfoss Silicon Power. Auch hier kann die Wirtschaft einen wichtigen Beitrag dazu leisten, neue Verbindungen zu knüpfen, die uns gemeinsam stark machen.

Überhaupt muss die enge wirtschaftliche Verflechtung unserer Unternehmen weiter gefördert werden. Wir können stärker kooperieren, wenn es um wirtschaftliche Zukunftsfelder geht, die für beide Partner von großer Bedeutung sind. Schleswig-Holstein hat beispielsweise ebenso wie Dänemark ein starkes Standbein in der Ernährungsindustrie. Vor allem stehen wir aber mit unseren Unternehmen künftig vor dem gleichen Grundproblem: Wie sichern wir angesichts der sinkenden Zahl junger Menschen den Fachkräftebedarf unserer Unternehmen? Hier gibt es ein großes Potenzial für die Zusammenarbeit von Unternehmen auf beiden Seiten der Grenze. Die Aufgabe der Politik sehe ich vor allem darin, dafür zu sorgen, dass Berufsabschlüsse möglichst kompatibel sind und dass man möglichst problemlos von einem Land ins andere wechseln oder pendeln kann. Die Hemmnisse sind schon längst bekannt, doch die Lösung verläuft nur schleppend, weil unsere Sozial- und Steuersysteme sehr unterschiedlich sind. Wir bleiben aber am Ball.

Schleswig-Holstein kann Unternehmern aus dem Norden den Weg nach Deutschland ebnen. Und Schleswig-Holstein kann, wie so viele Jahrhunderte zuvor, die Verbindung zwischen dem Norden und Hamburg herstellen. Die Metropole an der Elbe ist ein zentraler Partner für unser Land, der die Wirtschaft insbesondere im Süden Schleswig-Holsteins belebt und vielen Menschen ein Auskommen gibt.

Und schließlich haben Schleswig-Holstein und Dänemark politisch ein gemeinsames Interesse daran, dass wir unabhängig von der Entwicklung am Fehmarnbelt die Jütlandroute in die Lage versetzen, den steigenden Verkehr kommender Jahrzehnte zu bewältigen. Auch wenn wir nun neue Verbindungen erschließen sollten, bleibt der „Ochsenweg“ durch Jütland bis Hamburg für große Teile Dänemarks und Skandinaviens die Hauptroute in die zentraleuropäischen Märkte und in die Welt – und umgekehrt. Das ist uns bewusst, und danach werden wir handeln.

Die schleswig-holsteinische Landesregierung will die Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir neue Verbindungen knüpfen können. Das tun wir, indem wir unsere besonderen Kompetenzen und Ressourcen einbringen. Dort, wo wir als Bundesland souverän sind, nutzen wir unsere Handlungsspielräume. Dort, wo wir auf Hilfe der Bundesregierung angewiesen sind, nutzen wir unsere Beziehungen und unseren politischen Einfluss über den Bundesrat.

Ganz konkret werden wir unsere Bildungshoheit nutzen, um in den kommenden Jahren das Dänischangebot an den allgemeinbildenden Schulen zu verbessern. So werden wir nicht nur unserer eigenen kulturellen Identität als Mehrsprachenland gerecht. Wir bieten dänischen Unternehmen die einzigartige Chance, sich in Deutschland zu etablieren. Schleswig-Holstein wird für Unternehmer noch attraktiver, wenn sie ihren guten Mitarbeitern ein Umfeld bieten können, in dem die dänische Sprache, die dänischen Kultur- und Freizeitangebote ganz natürlich dazu gehören.

Meine Damen und Herren,
je mehr der Staub des Nationalismus von neuen Winden hinweggefegt wird, desto mehr werden die alten kulturellen und historischen Bande freigelegt. Diese wieder zu erkennen und zu nutzen, kann uns helfen, neue Herausforderungen der Gegenwart zu bestehen. Die neue schleswig-holsteinische Landesregierung hat ein großes Interesse daran, die Zusammenarbeit mit Dänemark auszubauen. Wir wollen das konstruktive Verhältnis wiederherstellen, das unsere Vorgängerregierung mit ihrer Politik gegen die dänische Minderheit beschädigt hat. Es geht darum, die Chancen zu ergreifen, die sich uns gemeinsam bieten.

Es ist mir ein Herzensanliegen, die politischen Kontakte zwischen den Regierungen in Kopenhagen und Kiel auszubauen. Die Mitglieder der dänischen Regierung sind in Schleswig-Holstein jederzeit herzlich willkommen. Ebenso laden wir Sie als Vertreter der Wirtschaft herzlich ein, unser Land zu besuchen und die großen Möglichkeiten kennen zu lernen, die uns die Wiederbelebung unserer historischen Bande bieten. Die Mitglieder meiner Regierung werden in den kommenden Jahren oft Gäste in Dänemark sein. Nicht nur, um über mehr Zusammenarbeit zu sprechen. Wir wollen auch voneinander lernen und gerne auch gemeinsam nach Lösungen suchen, wenn es um die großen Herausforderungen der Zeit geht.

Dabei setze ich auch auf Ihre Unterstützung. Lassen Sie uns gemeinsam die Bande zwischen Dänemark und Deutschland enger knüpfen.