Wie wir in Zukunft arbeiten

Digitalisierung, Globalisierung, demografischer Wandel: Die Arbeitswelt befindet sich im Umbruch. Die Auswirkungen der Corona-Krise beschleunigen diese Veränderung. Digitales Arbeiten von Zuhause ist plötzlich zu einem millionenfach geübten Alltag geworden. Damit sind wir bereits in einer neuen Arbeitsrealität angekommen. Gleichzeitig wandelt sich die Einstellung der Menschen zur Arbeit. Wichtiger werden Familie, Freunde und Freizeit und die Frage, wie sich all das miteinander vereinbaren lässt. Wer sich deswegen keine Sorgen machen muss, kann sich wiederum voll auf seinen Beruf konzentrieren. Deswegen wollen wir ein neues Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit herstellen.

Serpil Midyatli
SPD-Landesvorsitzende Serpil Midyatli Bild: Thomas Eisenkrätzer

Ein besseres Gleichgewicht zwischen Arbeit, Familie und Freizeit sowie mehr Selbstbestimmung über die eigene Zeit sorgen auch für mehr Lebensqualität. Aktuell werden wir häufig fremdbestimmt. Die Öffnungszeiten von Ämtern, Kitas und Geschäften kollidieren oft mit unserer Arbeitszeit. Ganz besonders ist das der Fall, wenn auch noch die Pflege von Angehörigen hinzukommt. Das zerrt an uns und unseren Nerven. Gerade die durch Corona bedingten Schließungen von Kitas und Schulen zeigen, dass Familie und Beruf schwer zu verinbaren sind.

30 Stunden Arbeit in der Woche sind genug

Unser Ziel ist die 30-Stunden-Woche bei vollem Personal- und Lohnausgleich. Arbeitsabläufe werden immer mehr verdichtet. Die Produktivität steigt und mit ihr die Belastung der Menschen. Wir sind deshalb der Meinung, dass 30 Stunden Arbeit in der Woche genug sind. Das hilft den Menschen, Familie und Beruf aber auch ehrenamtliches Engagement besser miteinander zu vereinbaren. Das wird gerade die körperlich anstrengenden Berufe in der Pflege attraktiver machen und dafür sorgen, dass die Menschen länger gesund arbeiten können. Die 30-Stunden-Woche ist damit auch eine Antwort auf den Fachkräftemangel.

Die 30-Stunden-Woche hilft auch auf dem Weg aus der Corona-Krise. Aktuell besteht ein Fenster für grundlegende Veränderungen. Jetzt besteht die Möglichkeit, die Art wie wir arbeiten zu ändern und sie damit langfristig zu verbessern. Aufgrund der aktuellen Unterbeschäftigung ist das der richtige Moment für Modell-Projekte. Unternehmen könnten so die Auswirkungen auf die Produktivität testen. Außerdem können Abstandsregeln besser eingehalten, wenn sich die Aufenthaltszeit in den Betrieben reduziert. Studien zeigen, dass dadurch die Kosten für den Bürobetrieb deutlich sinken. Zudem könnte ein Teil der Ausfälle im Tourismus durch verlängerten Wochenenden aufgefangen werden, wenn die 30-Stunden Arbeit auf vier Tage in der Woche verteilt werden.

Mehr Zeit für die Familie, wenn Du sie brauchst

Wir wollen mehr Zeit für die Familie. Wenn die Kinder klein sind oder Familienangehörige gepflegt werden müssen, sollen die Menschen flexibel mehr Zeit dafür bekommen. Sie können dann die Stundenzahl weiter reduzieren und die Gemeinschaft gleicht den Gehaltsverlust aus.

Außerdem wollen wir einen selbstbestimmten Wechsel zwischen Teil- und Vollzeit. Das steigert nicht nur die Lebensqualität der Beschäftigten, sondern ist auch ein Mittel gegen den Fachkräftemangel, weil man sich nicht zwischen Familie und Beruf entscheiden muss.

Überstunden bekämpfen

Überstunden müssen die Ausnahme werden! Die Deutschen sind Europameister bei den Überstunden. Das kann so nicht weitergehen. Menschen, die dauerhaft mehr als die vertraglich vereinbarte Zeit arbeiten, leiden darunter geistig und körperlich – manche werden dadurch sogar schwer krank und fallen lange aus. Dadurch steigt noch einmal die Belastung für die übrigen Kolleginnen und Kollegen. Überstunden müssen in Freizeit kompensiert werden, damit Arbeit nicht krank macht. Die Einhaltung der Regeln muss stärker staatlich kontrolliert werden. Dafür müssen die Stellen beim Zoll und bei den Aufsichtsbehörden für Arbeitsschutz aufgestockt werden.

Dein Arbeitszeitkonto gehört Dir

Wir wollen, dass Du Dein Arbeitszeitkonto von einem/einer Arbeitgeber*in zur nächsten mitnehmen kannst. Arbeitszeitkonten sind eine gute Sache. Sie sollten aber nicht an Arbeitgeber*innen gebunden sein, sondern den Arbeiternehmerinnen und Arbeitnehmern gehören und die sollen sie mitnehmen können. Dazu schlagen wir vor, dass der Staat für jede Bürgerin und jeden Bürger ein Zeitkonto einrichtet – so ähnlich wie die Zeitkonten, die es bereits in Tarifverträgen gibt.

Basis eines solchen Zeitkontos sollen Einzahlungen der Beschäftigten sein, so dass auf diesem Konto Zeit angespart wird, die durch Tarifverträge oder durch den Staat für besonders förderungswürdige Zwecke zusätzlich aufgestockt werden können, z.B. für Fort- und Weiterbildungen.

Der Vorteil ist, dass auf diese Weise Überstunden nicht verloren gehen, sondern sich in ein Zeitguthaben verwandeln, das im Lebensverlauf mehr Freiheit ermöglicht. Wenn man beispielsweise den Betrieb wechselt, gehen die Stunden nicht verloren, sondern sind transportierbar; sie bleiben auf dem Zeitkonto. Sie wandern, staatlich abgesichert, mit zur neuen Arbeitgeber*in oder mit zur neuen Beschäftigung. Zusätzlich kann für das Zeitkonto ein zeitliches Startguthaben vorgesehen werden

Recht auf Homeoffice

Homeoffice ist ein Beitrag zur Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. In bestimmten Berufen ist Homeoffice nicht möglich. Dort aber, wo es geht, wollen wir ein Recht auf Homeoffice einführen. Die aktuelle Krise zeigt aber auch, dass es nicht reicht, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einfach nach Hause zu schicken. Der Arbeitgeber muss für eine entsprechende Arbeitsumgebung und die nötigen Arbeitsmittel sorgen.

Gleichzeitig muss klar sein, dass die Menschen auch im Homeoffice Feierabend haben und dann nicht erreichbar sind. Dafür wollen wir ein Recht auf Nicht-Erreichbarkeit einführen. Es gibt bereits die nötigen technischen Mittel, um das umzusetzen.

Mobiles Arbeiten

Wir wollen rechtliche Sicherheit für mobiles Arbeiten. Mobile Geräte und mobiles Internet machen es möglich, dass die Menschen auch unterwegs, in der Bahn oder im Café arbeiten können. Das muss möglich sein, sollte aber schon aus gesundheitlichen Gründen die Ausnahme bleiben. Ein Stuhl im Café ist kein ordentlicher, dauerhafter Arbeitsplatz. Für die Arbeitnehmer*innen muss sicher geregelt sein, dass sie nicht für den Verlust der Geräte und der Daten verantwortlich sind, wenn der Arbeitgeber mobiles Arbeiten ermöglicht.

Recht auf Nicht-Erreichbarkeit

Feierabend ist Feierabend. Wochenende ist Wochenende. Urlaub ist Urlaub. Smartphones machen möglich, dass wir auf allen Kanälen rund um die Uhr erreichbar sein können. Wir sind aber der Meinung, dass es wichtig ist, Arbeit und Freizeit klar zu trennen. Man muss auch mal frei auf andere Gedanken kommen können, ohne dass irgendwer erwartet, dass man per Telefon oder Mail erreichbar ist. Vertrauensarbeitszeit oder Arbeiten auf Abruf sind für uns keine Lösung. Die Arbeitgeber*innen müssen klarmachen, dass sie das nicht erwarten. Bereitschaftsdienste sind weiterhin klar zu regeln.

Weitere Beschlüsse des Landesvorstandes