Torsten Albig_Foto: Götz Schleser
Schleswig-Holstein 2030

Zukunft im Echten Norden

Die Landesregierung hat das „Grünbuch“ zur Landesentwicklungsstrategie Schleswig-Holstein 2030 vorgelegt. Ministerpräsident Torsten Albig erläutert im Interview Ziele und Verfahren.

Mit einem Bürgerkongress vor drei Jahren und drei Regionalkonferenzen 2014 hat die Landesregierung den Dialog über ein lebenswertes Schleswig-Holstein 2030 begonnen. Wie wurden die Ergebnisse der Konferenzen verarbeitet?

Die Ergebnisse der Bürgerdialoge wurden in die Leitlinien des Grünbuchs eingearbeitet. Darin findet sich unter anderem der vielfach geäußerte Wunsch nach einem Konzept für das lebenslange Lernen von der Krippe bis ins hohe Alter wieder. Auch Anregungen zur Chancengleichheit für alle und zur Inklusion haben wir aufgegriffen. Und der Wunsch nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf spiegelt sich in den Zielen einer gesicherten Ganztagsbetreuung und der Schaffung familienfreundlicher Strukturen wieder. Dies sind nur einige der vielen Impulse aus der Bürgerbeteiligung, an die wir mit dem Grünbuch anknüpfen.

Welche Perspektiven gibt es für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes?

Torsten Albig_Foto: Götz Schleser

Ministerpräsident Torsten Albig: Eine Gesamtstrategie entwickeln, die wirklich über eine Wahlperiode hinausblickt.

Schleswig-Holstein ist dank unterschiedlicher Wirtschaftszweige gut aufgestellt. Wir haben starke traditionelle Branchen wie den Tourismus, die Logistik oder die Ernährungs- und Landwirtschaft. Und wir haben zahlreiche vielversprechende Zukunftsfelder wie die Erneuerbaren Energien, die innovative maritime Wirtschaft oder die Informations- und Kommunikationstechnik.

Hinzu kommt, dass unsere klein- und mittelständisch geprägte Unternehmensstruktur höchst innovativ ist und nicht so stark von konjunkturellen Schwankungen abhängt. Aktuell haben wir die niedrigste Arbeitslosenquote seit 20 Jahren. Die Grundbedingungen stimmen also, und wir können uns darauf konzentrieren, die wirtschaftspolitischen Weichen für die Zukunft richtig zu stellen. Es ist die Essenz der Landesentwicklungsstrategie, dass uns in Schleswig-Holstein die großen Trends unserer Zeit eher in die Hände spielen.

Die Menschen wollen heute mehr Lebensqualität an ihrem Wohnort. Die können wir allemal bieten. Und die wachsende Digitalisierung ermöglicht es, dass immer mehr Menschen im Grünen wohnen und dort gleichzeitig arbeiten können. Da sind wir bereits in manchen Bereichen bundesweit Spitze und wollen noch stärker in die Digitalisierung investieren.

Ein anderer wichtiger Trend ist der Wandel in Klimaschutz und Energiepolitik. Die Energiewende kommt uns entgegen und hat unser Land schon heute reicher gemacht. Und auch beim Trend zur Internationalisierung haben wir sehr gute Karten.

Wie kann die Lebensqualität als Standortfaktor weiterentwickelt werden?

In Schleswig-Holstein leben bekanntlich die glücklichsten Menschen Deutschlands. Das hat nicht nur mit der Nähe zur Nord- und Ostsee und den schönen Landschaften zu tun. Auch die gute Wirtschaftslage und eine gute Infrastruktur im weitesten Sinne – sozial, kulturell aber auch klassisch, in Beton und Asphalt – machen das Leben und Arbeiten in Schleswig-Holstein so attraktiv.

Wir wollen künftig noch stärker betonen, dass wir ein überdurchschnittlich lebenswertes Land sind. Das ist ein immenser Standortvorteil, den wir nutzen werden. Mit unserer Tourismusstrategie haben wir bereits einen ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht. Nun wollen wir auch verstärkt in den Breitbandausbau, in soziale Einrichtungen und die Gesundheitsversorgung, aber auch in die Sanierung der Landesstraßen und in die Kultur investieren. All dies sind wichtige Bestandteile von Lebensqualität.

Gibt es einen Zielkonflikt zwischen Stadt und Land?

Der Gegensatz wird häufig zu stark betont, obwohl Städte oft ein zentraler Bestandteil der ländlichen Räume sind. Stadt und Land bilden eher eine Schicksalsgemeinschaft denn Gegenpole. Wir wollen sie deshalb stärker als Einheit sehen und partnerschaftlich entwickeln. Es gibt bereits viele gute Beispiele für ein gelungenes Miteinander.

Trotzdem ist uns sehr wohl bewusst, dass es unterschiedliche Entwicklungen gibt. Und zwar nicht nur zwischen Stadt und Land, sondern zwischen schrumpfenden und wachsenden Regionen, das betrifft Dörfer und Städte.

Deshalb wollen wir den Orten mit sinkenden Einwohnerzahlen durch flexible Standards in der Daseinsvorsorge ermöglichen, das Leben vor Ort auch mit weniger Menschen zu gestalten – sei es nun bei der technischen Infrastruktur, der Gesundheitsversorgung oder Bildungs- und Kultureinrichtungen.

Aus dem Grünbuch soll jetzt ein Weißbuch werden. Was ist der Unterschied?

Ein Grünbuch ist ein Diskussionspapier und enthält, sehr bewusst, offene Leitfragen und Impulse. Darüber sind wir nun im Dialog mit ganz vielen Einrichtungen und Verbänden, um sie zu erörtern, weiterzuentwickeln und zu vertiefen. So stellen wir sicher, dass die Landesentwicklungsstrategie wirklich eine Strategie von allen für alle in unserem Land wird.

Das Weißbuch wird dann die endgültige Landesentwicklungsstrategie beschreiben. Es wird im Herbst vorliegen und den Kurs für die Zukunft Schleswig-Holsteins festlegen.

Wo siehst Du Dich persönlich im Jahr 2030?

Ein einzelnes Leben über 14 Jahre zu planen ist fast noch schwieriger, als das einer ganzen Gesellschaft. Ich bin dann 67 Jahre alt und kann hoffentlich auf die eine oder andere Art immer noch dazu beitragen, dass das Leben meiner Mitmenschen lebenswert ist, nachdem ich lange Jahre Ministerpräsident in Schleswig-Holstein war (lacht).

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